Traumdenken
- andrea0600
- 9. Mai
- 5 Min. Lesezeit

Erinnerst du dich an den letzten Traum? War es ein schöner oder ein böser Traum? Ist er in Erfüllung gegangen?
Bestimmt kennst du auch dieses Aufschrecken aus einem Alptraum. Schweißgebadet, der Herzschlag irgendwo viel zu hoch, dieses Gefühl, als hättest du das Erlebte gerade erst verlassen, obwohl du längst wach bist. Der Körper reagiert, als wäre alles real geschehen. Unser inneres Schutzsystem unterscheidet nicht zwischen Bild und Ereignis. Es passt die Körperreaktionen den Bildern an, die wir empfangen haben. So wie Tränen kommen können, wenn eine Filmszene tief berührt, so geschieht es auch im Schlaf. Und genauso geschieht es im Alltag. Ängste, Sorgen, negative Gedankenspiralen wirken wie ein Traum, der sich immer wieder neu abspielt. Ein innerer Film, der nicht loslässt.
Ich war etwa fünf Jahre alt, als ich nach einer langen Phase wieder in der Gipsschiene sitzen konnte. Schlafen wollte ich damals kaum. Die Angst war zu groß, nach dem Aufwachen wieder bewegungslos zu sein, nicht mehr sitzen, nicht mehr aufstehen zu können. Mein Alptraum war immer derselbe. Ich war eine gefangene Prinzessin in einem Schloss. Ich durfte nur auf einer Matte am Boden liegen und mich nicht bewegen. Um mich herum standen Holzfiguren, wie Marionetten, mit bösen Gesichtern und Knüppeln in den Händen. Jedes Mal, wenn ich mich bewegte, schlug mich eine dieser Figuren. Ich versuchte wach zu bleiben, hielt meine Augen offen, fixierte ein Poster mit niedlichen Hundewelpen, doch irgendwann fiel ich wieder in diesen Traum zurück.
Ich begann, mich zu wehren. Ich schlug den Figuren die Arme ab, riss ihnen Körperteile ab, doch aus jedem Teil wuchs sofort eine neue Figur nach. Ich war diesem Traum ausgeliefert. Bis zu dem Moment, in dem ein Gedanke auftauchte. Ich bin die Prinzessin. Ich habe hier die Befehlsgewalt. In diesem Moment erlebte ich etwas, das man luzides Träumen nennt. Ich wusste, dass ich träumte, und konnte dennoch handeln. Ich stand auf, warf die Figuren aus dem Schloss, kündigte ihnen. Dieses innere Lachen, diese Befreiung, hat mich mehr als einmal aufgeweckt.
Luzides Träumen bringt oft genau das mit sich, man wacht auf. Ich habe diese Fähigkeit später auch in anderen Träumen genutzt. Heute betrachte ich meine Träume eher mit Neugier. Wie neue Geschichten, die ich noch nicht kenne. Ich weiß meistens, dass ich träume, greife aber kaum ein. Nur dann, wenn mir ein Traum banal oder langweilig erscheint. Körperliche Reaktionen habe ich dabei keine mehr, weil dieses Wissen da ist. Ich träume.
Damals hat mir dieses Erleben ein Werkzeug geschenkt. Einen Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit. Alpträume können ein Leben massiv beeinflussen. Und an dieser Stelle stelle ich eine einfache Frage. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Alptraum und deinen Vorstellungen im Wachzustand.
Sind deine Vorstellungen auch Spiralen aus immer gleichen Dramen. Gesundheit, Finanzen, Beziehungen, alles auf einem Nährboden aus Angst und Verlust. Wo darfst du dich nicht bewegen. Wo hält dich etwas fest.
Als kleines Kind ist Fantasie lebendig. Vorstellungen sind lebendig. Wir spielen nicht nur, wir sind das Spiel. Wir fühlen uns, als wären wir. Ich war diese Prinzessin. Ich durfte Befehle erteilen. Ich musste nicht gehorchen. Ich musste mich nicht wehren. Dieses Gefühl hat mich aus dem Alptraum befreit.
Hast du dich schon einmal gefragt, warum es so vielen Menschen schlecht geht. Und wenn du ihnen zuhörst, wovon erzählen sie. Von Träumen oder von Nöten. Meistens liegt wenig Leichtes in diesen Erzählungen. Das ist nachvollziehbar. Die Medien, die uns täglich über alle Kanäle erreichen, tragen selten gute Bilder. Ist es dann verwunderlich, dass sich unser Leben so anfühlt, wie es sich anfühlt.
Sehr früh wird uns Fantasie aberzogen. Träume werden zu unerfüllten Hirngespinsten. Sätze wie man kann nicht alles haben oder Träume sind Schäume entziehen diesen inneren Bildern ihre Energie. Doch denk einen Moment nach. Wie oft sind Vorstellungen vom Schlimmsten eingetroffen. Wie oft haben sich Ängste bewahrheitet.
Wenn Unsicherheit und Angst in der Lage sind, ganze Verläufe zu erzeugen, könnte es dann nicht auch sein, dass Vorstellungen eines schönen Traums, eines Wunsches, getragen von Gefühl, Genuss, Freiheit, bewusst kreiert, ebenfalls Realität werden können.
Stell dir vor, was auf deinem Lebensweg geschehen wäre, wenn deine kindlichen Träumereien nicht als Unsinn abgetan worden wären. Wie hätte sich dein Weg entwickelt, wenn man dir gesagt hätte, halte daran fest, glaube daran. Was hast du gelassen, aus Angst, als Träumer oder Versager zu gelten. Weil niemand geglaubt hat, dass aus Träumen etwas Gutes entstehen kann.
Und doch sehen wir jeden Tag, wie aus negativen Vorstellungen ganze Dramen entstehen. Warum sollte sich das im Positiven nicht ebenso erfüllen können.
Wenn ich mit Menschen spreche, die lebensbedrohlich erkrankt sind, erzählen sie oft von Dingen, die sie noch erleben wollten. Dinge, die nie Raum bekommen haben, weil das Leben mit seinen Problemen und Anforderungen immer lauter war. Erst die Aussicht auf ein mögliches Ende öffnet den Blick auf das Schöne, auf das Wesentliche.
Muss es wirklich erst zum Drama kommen, bevor wir beginnen, unseren Träumen wieder zu glauben.
Vielleicht liegt der eigentliche Unterschied zwischen Alptraum und Wunschtraum vielmehr darin, wie ernst wir ihn nehmen dürfen und gar nicht im Traum selbst. Angst gilt als sinnvoll. Vorsicht als klug. Zweifel als Zeichen von Reife. Wer Angst äußert, wirkt verantwortlich. Wer Katastrophen denkt, gilt als vorbereitet. Der Wunschtraum dagegen braucht sich rechtzufertigen. Er wird relativiert, abgeschwächt, abgesichert. Kaum taucht er auf, wird er eingefangen. Ja, aber … Das Leben ist halt so … Man darf nicht zu viel erwarten. So verlieren diese Bilder ihre Kraft, noch bevor sie sich entfalten können.
Angst dagegen wächst einfach, breitet sich aus und setzt sich gestützt durchs Gefühl in Gedankenketten fort. Was wäre, wenn … und dann … und dann … Der Körper folgt diesen Bildern und unsere Entscheidungen richten sich nach Vermeidung. So wird der Alptraum zum Leben erweckt und nutzt den Körper als seine Bühne. Beachtung garantiert. Mitunter ein Grund, weshalb Vorstellung wird Realität im Negativen so zuverlässig funktioniert.
Der Wunschtraum bleibt meist privat, leise, vorsichtig, halb entschuldigt.
Dabei stammt beides aus derselben Quelle. Aus derselben Fähigkeit, innere Bilder zu erzeugen. Aus derselben Vorstellungskraft.
Dennoch entsteht ein Alltag, in dem viele Menschen innerlich in Szenarien leben, die sie nie erleben wollen. Gedanken über Krankheit, Mangel, Verlust, Scheitern laufen wie Dauerschleifen. Sie werden ernst genommen, vorbereitet, abgesichert. Kaum jemand nennt die Träumerei. Kaum jemand spricht von Fantasie. Dabei ist es genau das. Ein fortgesetzter innerer Film, gespeist aus Angst.
Wunschträume hingegen werden rückhaltlos-unrealistisch und brauchen Mut. Wer sie fühlt, spürt oft sofort den inneren Widerstand. Das geht doch nicht. Das ist zu schön. Das Leben spielt da nicht mit. Doch wenn du genau hinhörst, reagieren Körper und Gefühl auf diese Bilder ganz anders. Weite entsteht und für einen Moment fühlt sich Leben freier an. Genau hier wird oft abgebrochen. Zu gefährlich. Zu enttäuschend. Also zurück in die bekannte Enge.
Warum sollte sich ein Wunschtraum erst rechtfertigen müssen, um ernst genommen zu werden? Weshalb entziehen wir ihm die Existenzgrundlage? Warum darf er nicht auch einfach da sein, so wie der Alptraum sich das Recht rausnimmt?
Vielleicht sind diese Fragen radikaler, als sie scheinen. Denn sie berühren, wie wir Realität erschaffen. Innen wie außen. Probiere Traumdenken aus, im Positiven kannst du nichts verlieren, nur kreieren.





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